Gertrude Duby-Blom: Die mutige Schweizer SozialistinKategorie: Politik Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst":
Als Multitalent machte die aus der Schweiz stammende Gertrude Duby-Blom (1901–1993), geborene Gertrude Elisabeth Lörtscher, von sich reden: Sie war eine wortgewandte, mutige und temperamentvolle Sozialistin, Fotografin, Anthropologin, Umweltschützerin und Journalistin. In der zweiten Hälfte ihres bewegten Lebens setzte sie sich vor allem für die Lacandon-Indianer in Mexiko ein. Von ihr stammt der Ausspruch: „Lasst uns an unsere Zukunft denken, denn ansonsten werden wir die letzte, übriggebliebene Art auf diesem Planeten sein."
Gertrude Elisabeth Lörtscher wurde am 7. Juli 1901 als zweites von drei Kindern des evangelischen Pfarrers Otto Lörtscher in Wimmis im schweizerischen Kanton Bern geboren. Ihre Schwester Johanna kam 1895 zur Welt, ihr Bruder Hans Otto 1904. Die Eltern und die Freundinnen nannten sie „Trudi". Eine ihrer besten Schulfreundinnen in Wimmis war Marie Liechti (1902–1995).
Die Lektüre der Indianergeschichten des deutschen Jugendschriftstellers Karl May (1842–1912) weckte bereits in Gertrudes Kindheit ihre Naturliebe und ihre Abenteuerlust. Später wurde sie in Bern durch ihren Nachbarn Düby und dessen Sohn Kurt mit dem Sozialismus vertraut.
Als 17-Jährige verließ Gertrude Lörtscher ihr Elternhaus. Dort hatte sie mit ihrem Vater mancherlei politische Auseinandersetzungen geführt. Danach lernte sie zwei Jahre Gartenbau und erwarb in Zürich einen weiteren Abschluss in Sozialarbeit. Anschließend hielt sie sich ein Jahr lang bei einer Quäkerfamilie in England und einige Monate zum Studium der italienischen Sprache in Florenz auf. In Italien lernte Gertrude Lörtscher den Journalisten Vitaly Gawronsky (1907–1989) kennen, der bis zu seinem Tod in Bern lebte.
1925 musste Gertrude Lörtscher Italien verlassen und in die Schweiz zurückkehren, weil sie durch ihre journalistischen Arbeiten für sozialistische Zeitungen in ihrem Heimatland den italienischen Faschisten unangenehm aufgefallen war. Am 20. Juni 1925 heiratete die 23-jährige in Lausanne den 25 Jahre alten Kurt Düby (1900–1951).
Ab 1925 arbeitete Gertrude Düby als Sekretärin der Frauensektion der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" (SPD), für die sie von 1928 an in Deutschland herumreiste. Bald wurde sie als begabte Rednerin und antifaschistische Kämpferin bekannt. Am 3. September 1930 ließ sie sich wegen politischer und privater Differenzen von Kurt Düby scheiden. 1933 schloss sie eine Scheinehe mit dem deutschen Arbeiter Otto Piel (1906–1999), um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 konnte Gertrude Düby dort ihre politische Arbeit nicht mehr fortsetzen und musste emigrieren. Danach organisierte sie in Paris und in den USA den Weltfrauenkongress gegen den Krieg und engagierte sich bis 1939 in der internationalen Widerstandsbewegung gegen den nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler (1889–1945).
1940 brachte man Gertrude Düby in ein französisches Internierungslager in Rieucros. Mit Hilfe der Schweizer Botschaft konnte sie das Lager und das Land am 6. März 1940 verlassen. Völlig desillusioniert folgte sie anderen europäischen Emigrantinnen nach New York in die USA und ging wenige Monate später nach Mexiko. In der Neuen Welt wählte sie die Schreibweise „Duby", der für die englische und spanische Sprache besser geeignet war als das schweizerische „Düby",
In Mexiko untersuchte Gertrude Duby für das Arbeitsministerium als Sozialarbeiterin und Journalistin die Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen und bereiste das Land.
Auf späteren Reisen zur Erforschung der Situation von Frauen, die in der Armee des mexikanischen Revolutionärs Emiliano Zapata (1879–1919) gedient hatten, nahm Gertrude Duby erstmals einen Fotoapparat mit. Sie hatte die Kamera für 50 Pesos von einem deutschen Immigranten erworben, der ihr die Grundbegriffe des Fotografierens beibrachte. Mit Hilfe der Kamera dokumentierte sie die Zerbrechlichkeit der Kultur und der Landschaft der Indianerstämme im mexikanischen Bundesstaat Chiapas.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten viele Emigranten nach Deutschland, in die Sowjetische Besatzungszone, zurück. Auch Gertrude Duby reiste 1947 nach Berlin und wollte am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitwirken. Doch schon nach wenigen Tagen kehrte sie nach Mexiko zurück.
Besonders engagiert setzte sich Gertrude Duby für die in den dichten Dschungeln lebenden Lacandonen, einen Stamm der Maya, ein. Im Urwald lernte sie den dänischen Archäologen und Kartographien Frans Blom (1893–1963) kennen, den sie am 16. Februar 1950 heiratete. 1950 kaufte das Ehepaar Blom ein Haus in San Cristóbal de las Casas, das es wegen der Ähnlichkeit mit seinem Familiennamen als „Na Bolom" („Jaguar") bezeichnete. Das Haus wurde allmählich zu einem Wissenschaftszentrum ausgebaut.
Mit ihrem dritten Mann unternahm Gertrude Duby-Blom insgesamt 70 strapaziöse und oft monatelange Expeditionen, um die Traditionen der abgeschieden lebenden, stolzen und unabhängigen Lacandonen zu erforschen. Durch zahlreiche Veröffentlichungen von Fotos, Artikeln und Büchern entwickelte sie sich zur Fürsprecherin für die Erhaltung der Kultur der Lacandon und des Dschungels.
1975 gründete Gertrude Duby-Blom eine Baumschule, die einheimische Bäume kostenlos abgab, wenn sie im Staat Chiapas gepflanzt wurden. Der schwedische König Carl XVI. Gustav überreichte Gertrude und ihrer Mitarbeiterin Juanita 1991 in Stockholm für ihre Verdienste zur Erhaltung einer gesunden Welt einen Preis der „United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization" (UNESCO).
Im hohen Alter war Gertrude Duby-Blom enttäuscht darüber, wie wenig Erfolg ihre Bemühungen um eine bessere Welt letztlich hatten. Mit 82 schrieb sie: „Ich war mein ganzes Leben lang eine Kämpferin, aber das ist eine traurige Geschichte. Ich habe versucht, die Welt zu verändern und gescheitert. Die Nazis kamen; dann haben wir versucht, den Krieg zu verhindern, und er kam trotzdem. Zuletzt habe ich für die Lacandonen und den Wald gekämpft. Doch auch dieser Kampf scheint verloren."
Am 23. Dezember 1993 starb Gertrude Duby-Blom im Alter von 92 Jahren in San Cristóbal (Mexiko). In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass die Lacandonen ihr Erbe erhalten sollten.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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