Friederike Caroline Neuber: Die Theaterpionierin aus SachsenKategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als „Mutter des Deutschen Theaters" machte sich die Schauspielerin, Autorin und erste Theaterchefin (Prinzipalin), Caroline Friederike Neuber (1697–1760), geborene Weißenborn, verdient. Die resolute „Neuberin" sorgte dafür, dass ernste Stücke nicht mehr durch Harlekine oder Hanswurste zur Posse gerieten. Aus ihrer Feder stammen Gelegenheitsgedichte, Vor- und Schäferspiele.
Caroline Friederike Weißenborn kam am 8. März 1697 als einziges Kind des Advokaten Daniel Weißenborn und dessen Frau, der Gutsverwalterstochter Anna Rosina Weißenborn, geborene Wilhelmi, im alten Gerichtshaus von Reichenbach/Vogtland (Sachsen) zur Welt. Der Vater gab 1702 sein Amt aus gesundheitlichen Gründen auf und zog nach Zwickau, die Mutter starb bereits 1705.
Nach dem frühen Tod der Mutter befand sich die achtjährige Caroline alleine in der Gewalt des verbitterten, kranken, jähzornigen und tyrannischen Vaters. Ungeachtet ihrer freudlosen und harten Kindheit war die Halbwaise früh selbstbewusst, selbstständig, willensstark und erwarb sich eine gediegene Bildung.
Am 2. Januar 1712 lief die 14-jährige Caroline erstmals aus dem Vaterhaus weg. Sie versteckte sich über ein Vierteljahr bei Bekannten in Zwickau und floh dann mit dem 24-jährigen Gehilfen Gottfried Zorn aus der Praxis ihres Vaters. Das steckbrieflich gesuchte Paar wurde einige Wochen später erwischt und verbrachte 13 Monate in Untersuchungshaft. Caroline nahm vor Gericht alle Schuld auf sich und bewahrte so ihren Freund vor einer Anklage wegen Entführung.
Erst der zweite Fluchtversuch Carolines 1716 mit dem gleichaltrigen Bauernsohn Johann Neuber (1697–1759) aus Reinsdorf, der die Zwickauer Lateinschule besucht hatte, gelang. Die beiden schlossen sich 1716 in Weißenfels der bekannten Schauspielertruppe von Christian Spiegelberg an und heirateten am 5. Februar 1718 in Braunschweig. Der Vater starb 1722 in Zwickau.
Um 1724 wurde der Leipziger Literaturtheoretiker, Kritiker und Spracherzieher Johann Christoph Gottsched (1700–1766) auf das Talent von Caroline Neuber aufmerksam: Er sah sie auf der Bühne, als sie in einem Stück in männlicher Verkleidung nacheinander vier Studenten spielte und lobte diese Leistung in seiner Zeitschrift „Die vernünftigen Tadlerinnen".
1727 übernahmen Johann und Caroline Neuber die Leitung der „Haack-Hoffmannschen Gesellschaft" und erhielten das Privileg, als königlich polnische und kurfürstlich sächsische Hof-Kommödianten aufzutreten. König August der Starke (1670–1733) ließ der Neuberin in Leipzig einen festen Aufführungsort zuweisen: Mehrere Jahre lang trat sie zuerst „auf dem Fleischhause", dann in ihrem eigenen hölzernen Theater, das bei „Boses Garten" vor dem „Grimmaischen Tore" stand, und zuletzt in „Zotens Hof" auf.
Vor allem Besucher der Leipziger Messe sahen die Aufführungen von Caroline Neuber. Zwischen den Messen fuhr die Komödiantentruppe der Neuberin über Land und gastierte unter anderem in Hamburg, Braunschweig, Frankfurt am Main, Kiel und in Straßburg.
1730 standen bereits acht regelmäßige Stücke mit festgelegtem Dialog auf dem Spielplan der Neuberin. In jenem Jahr begann sie einen regen Briefwechsel mit Gottsched, dessen Drama „Der sterbende Cato" sie 1731 in Leipzig aufführte. 1734 gehörten unter anderem die Kömödien „Der Geizige", „Der eingebildete Kranke" und „Der scheinheilige Betrüger Tartuffe" von Molière (1622–1673) zu ihrem Repertoire.
Der Hamburger Senat verweigerte 1737 der Neuberin die auf zwölf Jahre in der Hansestadt Hamburg erbetene Spielerlaubnis. In jenem Jahr vertrieb sie in einem von ihr selbst geschriebenen Stück im Theater vor dem „Grimmaischen Tor" in Leipzig den Hanswurst von der deutschen Bühne. Mit dieser denkwürdigen Vorstellung leitete sie eine qualitative Veränderung des Sprechtheaters ein. Sie führte Dramen in deutscher Hochsprache ein und setzte ein gründliches Rollenstudium und eine feste Probenarbeit in ihrer Theatertruppe durch. Die Neuberin achtete streng auf Moral in ihrer Truppe. Liebespaare mussten entweder heiraten oder gehen.
Ab 1739 begannen Auseinandersetzungen zwischen der Neuberin und Gottsched. Anlass dafür waren Fragen der Aufführungspraxis, unter anderem die Stückwahl und Kostümierung. 1740 gastierte die Neubersche Truppe in Sankt Petersburg (Russland), von wo aus sie bald nach dem plötzlichen Tod der Zarin Anna Iwanowa (1693–1740) zu Ostern 1741 überstürzt zurückkehren musste. Inzwischen hatte ihr in Leipzig gebliebener Schauspieler Johann Friedrich Schönemann (1704–1782) eine Truppe gebildet und die Gunst Gottscheds gewonnen.
1741 trat die Neuberin im dritten Akt von Gottscheds „Der sterbende Cato" in einem ungewohntem historischem Kostüm und in bewusst entstellender Sprachweise auf. Außerdem verspottete sie Gottsched in dem Stück „Der allerkostbarste Schatz" als kleinlichen, mit der Blendlaterne suchenden „Tadler".
Nach jahrelangen Streitigkeiten um Spielerlaubnis und Spielstätte geriet Caroline Neuber 1743 in finanzielle Schwierigkeiten, weswegen sie ihre Truppe erstmals auflösen musste. Aber bereits 1744 konnte sie ihre Truppe wieder auftreten lassen. 1748 führte sie das erste Stück „Der junge Gelehrte" des deutschen Dichters und Kritikers Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) auf. Lessing saß während seiner Studienzeit in Leipzig lieber bei der Neuberin in den Proben als bei seinem Professor in der Universität.
Ab 1753 versuchte die alternde Neuberin mehrfach vergeblich, in Wien als Schauspielerin wieder Fuß zu fassen und in der Umgebung von Dresden mit einer kleinen Truppe zu spielen. Am 3. Februar 1756 bewarb sie sich um die Leitung des „Weimarer Hoftheaters". 1759 starb Johann Neuber in Dresden.
1760 flüchtete Caroline Neuber vor der Beschießung Dresdens im „Siebenjährigen Krieg" (1756–1763) durch Truppen des Preußenkönigs Friedrich II. der Große (1712–1786) nach Laubegast. Dort lebte sie in bitterer Armut und von allen verlassen bis zu ihrem Tod. Sie starb am 30. November 1760 im Alter von 63 Jahren. Ihr Sarg wurde auf einem Schubkarren zum Friedhof gefahren. Beerdigt wurde sie „in aller Stille" in Leuben.
Ehemalige Mitglieder der Schauspielertruppe der Neuberin setzten deren Theaterreform fort. Johann Friedrich Schönemann gründete – wie erwähnt – 1740 eine eigene Truppe. Heinrich Gottfried Koch (1705–1775) leitete ab 1766 das erste „Leipziger Schauspielhaus", Carl Theophilius Döbbelin (1727–1793) übernahm 1775 das „Theater in der Behrendstaße" in Berlin.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1823) setzte der Neuberin in seinem Roman „Wilhelm Meisters theatralischer Sendung" – zwischen 1777 und 1785 entstanden – ein literarisches Denkmal. Darin verewigte er sie unter dem Namen „Madame de Retti".
1776 wurde zu Ehren der Neuberin in Laubegast ein Denkmal aufgestellt. 1995 sanierte man in Reichenbach ihr Geburtshaus umfassend und eröffnete darin das „Neuberin-Museum".
In Reichenbach, Dresden und Zwickau erinnern die Namen von Straßen und Plätzen an die Neuberin. Die Stadt Leipzig stiftete 1997 anlässlich des 300. Geburtstages der Neuberin einen „Caroline-Neuber-Preis", der ab 1998 alle zwei Jahre an eine Theaterfrau vergeben wird.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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