EU und Fraunhofer-Institut empfehlen Open-Source-SoftwareKategorie: Computer & Internet Artikel veröffentlicht von: Alexander Hauk
Von Alexander Hauk
Als erste deutsche Großstadt stellt München in den kommenden Jahren ihre rund 14.000 Computer von Windows auf Linux um. Der Münchner Stadtrat begründete seinen Aufsehen erregenden Beschluss unter anderem mit einer größeren Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern. „Damit setzt die Stadt auch ein Zeichen, auch für mehr Wettbewerb im Software-Markt", berichtet IT-Experte Gerhard Kneis. Zuvor hatte Microsoft mitgeteilt, die technische Unterstützung für das bisherige Münchner System Windows NT auslaufen zu lassen und stattdessen für seine Produkte Windows XP und Microsoft Office geworben. Um den Wechsel zu verhindern, hatte sich Microsoft-Chef Bill Gates im Frühjahr 2003 sogar persönlich bei Oberbürgermeister Christian Ude engagiert.
Über die Vorteile von Open-Source-Programmen (OSS) hört und liest man viel. So mancher Bericht mag einem gar als Loblied auf die Computerprogramme erscheinen. „Im Verhältnis zur Medienaufmerksamkeit ist die Anzahl der Kommunen, die komplett auf OSS umsteigen, dennoch gering", so Kneis. Der Geschäftsführer der iTEC Services GmbH, führt diese Situation vor allem auf unbegründete Ängste zurück. Während bis vor einigen Jahren der Wechsel zu OSS durchaus mit Schwierigkeiten verbunden war, läuft eine Umstellung heute in der Regel problemlos ab. In einer Studie hat das Stuttgarter Fraunhofer-Institut die Anwendung von OSS geprüft und kommt zu der Schlussfolgerung, dass die Vorteile die Nachteile deutlich überwiegen. Selbst die EU hat sich zu dem Thema geäußert und empfiehlt bevorzugt OSS einzusetzen.
Für Städte und Gemeinden ist das Linux-Betriebssystem interessant, denn sie sind so unabhängig von einem Anbieter und dürfen die Software nach ihren Wünschen anpassen. „Viele Kommunen und Unternehmen wagen den Wechsel nicht, weil Microsoft nach wie vor Standard-Software ist", so Kneis von iTEC Services. Auch das Vorurteil, dass was nichts koste, auch nichts wert sein könne, spiele eine Rolle. Tatsächlich gestehe Microsoft mit dem kürzlich geschlossenen Pakt mit Novell nun aber ein, dass Linux mehr ist als die Spielwiese von ein paar Computerfreaks.
Der Unternehmer Thorsten Hauck hat den Schritt, den nun die Stadt München gehen will bereits vollzogen und sämtliche Arbeitsplätze seines Unternehmens komplett auf OSS umgestellt: „Von der Dateiverwaltung bis hin zur Terminierung und dem Projektmanagement erledigen wir alles mit Linux-Produkten." Das mittelständische Unternehmen hat sich auf die Ausbildung von Verantwortlichen für Gefahrguttransporte spezialisiert. „ Dank der Open-Source-Produkte kann ich die Hardware länger einsetzen, zudem sind die Programme ressourcenschonender", berichtet Hauck, der ursprünglich zum größten Teil mit Microsoft-Produkten gearbeitet hat. Seine finanziellen Aufwendungen seien dank Open-Source-Software um 50 Prozent gesunken.
Obwohl sich Hauck mit Technik und Computern auskennt, hat er sich für die Umstellung Experten geholt. Die Firma iTEC Services GmbH hat sich auf Dienstleistungen rund um Open-Source-Produkte spezialisiert. „Der Einstieg am Arbeitsplatz muss nicht zwangsläufig mit der Einführung eines linuxbasierten Clients einhergehen", sagt Kneis. Tatsächlich sei OSS inzwischen allgegenwärtig – aber kaum einer wisse oder merke es. OSS wie „Firefox" und „Thunderbird" für Internet und E-Mails sowie das freie „OpenOffice" laufen ebenso gut bereits unter dem Microsoft-Betriebssystem. Für den normalen Anwender ändere sich durch den Einsatz der neuen Software wenig, so Kneis.
Im Vergleich zu herkömmlichen Programmen hat OSS zahlreiche Vorteile: Die offen gelegten Quellcodes werden von vielen Entwicklern geprüft. Dadurch werden Fehler und Sicherheitslücken wesentlich schneller erkannt. „Mehr Augen sehen mehr", bringt es Kneis auf den Punkt. „Ein weiterer Vorteil ist der konsequente Gebrauch von offenen Standards, die den uneingeschränkten Austausch von Dateien in verschiedenen Formaten gewährleisten", so Kneis. Gewöhnlich fallen für Open-Source-Anwendungen auch keine Lizenzkosten an. Die Software kann auf beliebig vielen Rechnern installiert werden, ein aufwändiges Lizenzmanagement entfällt damit. Wie bei zum Beispiel Microcsoft-Produkten gibt es regelmäßige Updates.
Programme individuell angepasst
Die für den Wechsel anfallenden Kosten setzen sich zum größten Teil aus Planung, Einrichtung und Support der Lösung zusammen. Etwa fünf Tage dauert eine komplette Umstellung von einem Microsoft Windows NT-Server auf einen Linux-Server. Ganz so einfach sei das nicht, berichtet Kneis. Mitunter müssen zahlreiche Computer und Server miteinander vernetzt und konfiguriert werden. Dennoch lohnt sich der Aufwand.
Ein weiteres Plus: Die Programme können genauer auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden, denn Open Source ist kein Standardprodukt von der Stange, sondern kann optimal an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden. ITEC Services, ein von Novell zertifiziertes Systemhaus, ist eine von wenigen Firmen auf dem Markt, die zusätzlich selbst Software entwickeln. „Damit haben wir natürlich auch das notwendige Wissen, um die Produkte individuell anpassen zu können", so Kneis. Immer häufiger würden auch Open-Source-Datenbanken eingesetzt, hat der Computerexperte beobachtet. Die Argumente für ihren Einsatz sind dieselben wie für OSS im Allgemeinen.
Probleme aus früheren Zeiten sind längst behoben: So wurde einst der mangelnde Support durch Hersteller und Entwickler bemängelt, sowie der höhere Aufwand, der mit der Schulung der Anwender verbunden war. Inzwischen bieten immer mehr Firmen, wie iTEC Services, individuellen Support an. Die Dienstleister haben sich die Arbeit mit Open-Source-Anwendungen zur Geschäftsgrundlage gemacht und stehen bei Installation, Konfiguration und Wartung, speziellen Lösungen und Anpassungen sowie Schulungen zur Seite.
Auch die iTEC Services GmbH unterstützt ihre Kunden bei der Neuprogrammierung und Migration von Komponenten. „Bei der Umstellung der Office-Arbeitsplätze stellt sich oft das Problem der Konvertierung von VBA-Anwendungen und MS-Office-Makros auf das frei Office-Paket OpenOffice", erklärt Kneis. Unternehmer, die sich mit Computern besser auskennen, können sich außerdem kostenfreie Hilfe aus dem Internet holen. In Newsgroups und Mailinglisten unterstützen sie sich gegenseitig.
Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut hat in seiner Studie „Open Source Software: Einsatzpotenziale und Wirtschaftlichkeit" die Anwendung von OSS geprüft. Da es bei freier Software aufgrund ihrer Sonderstellung auf dem Markt keine festen Veröffentlichungstermine gebe, bestehe weniger die Gefahr, überstürzt im Rohzustand auszuliefern, nur um hinterher Verbesserungen nachzuliefern, heißt es darin unter anderem. Ingesamt würden die Vorteile von OSS die Nachteile deutlich überwiegen, so die Schlussfolgerung.
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