Elly Heuss-Knapp: Sie hob das Müttergenesungswerk aus der TaufeKategorie: Soziales Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Unvergessen als Gründerin des „Deutschen Müttergenesungswerkes" ist die deutsche Sozial- und Kulturpolitikerin Elly Heuss-Knapp (1881–1952), geborene Elisabeth Eleonora Anna Justine Knapp. Zur Zeit der Gründung war sie schon vier Jahrzehnte mit dem damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884–1963) verheiratet und seit kurzem „First Lady". Das Müttergenesungswerk unterhält zahlreiche Heime für erholungsbedürftige Mütter.
Elisabeth Eleonora Anna Justine Knapp kam am 25. Januar 1881 als zweite Tochter des Nationalökonomen Dr. Georg Knapp (1842–1926) und seiner aus Tiflis (Georgien) stammenden Frau Lydia, geborene von Karganow, in Straßburg (Elsass) zur Welt. Ihr Vater lehrte damals als Professor in Straßburg. Die Mutter musste bald nach der Geburt des Mädchens, das „Elly" gerufen wurde, wegen einer psychischen Krankheit in Sanatorien betreut werden.
Als 18-Jährige bestand Elly Knapp das Lehrerinnenexamen. Im Alter von 19 Jahren wurde sie freiwillige Mitarbeiterin der Armenpflege und bald zum Armenrat gewählt. Bei dieser Tätigkeit gewann sie Einblicke in das Leben und die Nöte der ärmeren Bevölkerungsschichten. Bald erkannte sie, dass es nötig war, vorzubeugen, um zu verhindern, dass soziale Schäden entstehen.
Auf Initiative von Elly Knapp errichtete man 1900 in Straßburg die erste Fortbildungsschule für Mädchen. An dieser Schule übernahm die 19-Jährige – nach eigenen Plänen – den größten Teil des Unterrichts. Später studierte sie ein Sommersemester lang Volkswirtschaft in Freiburg/Breisgau und im folgenden Wintersemester in Berlin.
1903 lernte Elly Knapp im Hause des Nationalökonomen Ludwig Josef (Lujo) Brentano (1844–1931) in Straßburg den deutschen Pfarrer und liberalen Politiker Friedrich Naumann (1860–1919) kennen. Im Naumann-Kreis in Berlin, wo sich viele bürgerliche Jugendliche trafen, begegnete sie dem jungen Dr. Theodor Heuss, der als Redakteur der von Naumann gegründeten Zeitschrift „Hilfe" arbeitete und 1903 der „Freisinnigen Partei" beitrat, die ab 1910 „Fortschrittliche Volkspartei" hieß.
Elly Knapp und Theodor Heuss waren bald gut befreundet und haben 1909 in Straßburg geheiratet. Die Traurede hielt der evangelische Vikar Albert Schweitzer (1875–1965), der damals an der Thomaskirche in Straßburg wirkte. Von 1913 bis 1965 gelangte Schweitzer als Arzt und Gründer eines Spitals in Lambaréné (Gabun) zu Weltruhm und erhielt 1952 den Friedensnobelpreis.
Ein Jahr nach der Hochzeit brachte Elly Heuss-Knapp den Sohn Ernst Ludwig (1910–1967) zur Welt. Im selben Jahr erschien ihre vielgelesene „Bürgerkunde und Volkswirtschaftslehre für Frauen" (1910). Von 1912 bis 1918 lebte sie mit ihrem Mann, der als Chefredakteur der „Neckar-Zeitung" arbeitete, in Heilbronn (Baden-Württemberg). Dort wirkte sie während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) für das „Rote Kreuz" und für die Wohlfahrtspflege.
Nach Kriegsende zog das Ehepaar Heuss wieder nach Berlin. 1918 schloss sich Theodor Heuss der „Deutschen Demokratischen Partei" (DDP) an. Von 1919 bis 1924 arbeitete er an der „Hochschule für Politik" in Berlin als Studienleiter und bis 1933 als Dozent. Elly Heuss-Knapp unterrichtete in Berlin und arbeitete ab 1922 für die evangelische Wohlfahrtspflege. Von 1924 bis 1928 saß Theodor Heuss für die DDP sowie von 1930 bis 1933 für die „Deutsche Staatspartei" im Reichstag.
1933 setzte der Nationalsozialismus der politischen Arbeit von Theodor Heuss ein Ende. Seine Frau stellte nun Werbefilme her, besprach Werbeschallplatten für Rundfunkreklamen und ging zu den Persilwerken nach Düsseldorf. Besonders bekannt wurde sie durch ihre Werbung für Nivea. Auf diese Weise verdiente sie fast allein den Lebensunterhalt für die Familie. Über diese Krisenzeit berichtete sie in ihrem Buch „Schmale Wege” (1946).
Wie Theodor Heuss war auch seine Gattin von 1946 bis 1949 Mitglied des Landtages von Württemberg-Baden – zunächst für die „Deutsche Volkspartei" (DVP) und später für die „Freie Demokratische Partei" (FDP), die 1948 durch den Zusammenschluss nationalliberaler und linksliberaler Gruppen entstand.
Theodor Heuss wurde 1948 erster Vorsitzender der FDP und von 1949 bis 1959 erster deutscher Bundespräsident. Elly Heuss-Knapp erhielt fortan Tausende von Briefen, die von vielfältigem Leid berichteten und um Hilfe baten. Besonders betroffen war sie vom Los der Mütter, die in zerbombten Städten, zum Teil nach langer, mühseliger Flucht, in großer Armut die Familie versorgen mussten. Ausgemergelt durch jahrelangen Hunger und überfordert, weil der Mann in Gefangenschaft, gefallen oder vermisst war, schienen sie unter der Last zusammenzubrechen.
Tatkräftig wie immer packte Elly Heuss-Knapp dieses neue Problem an. Angeregt durch den „Bayerischen Mütterdienst" gründete sie eine die ganze Bundesrepublik Deutschland überziehende Organisation, die „Elly-Heuss-Knapp-Stiftung, Deutsches Müttergenesungswerk". Träger dieser Stiftung sind Frauengruppen der beiden Kirchen, die Mütter-Genesungsfürsorge der Arbeiterwohlfahrt, das „Deutsche Rote Kreuz" und der „Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband". In den bald mehr als hundert Häusern des „Deutschen Müttergenesungswerkes" fanden jährlich über 50000 erschöpfte Frauen wieder Kraft und Lebensmut, ihr schweres Schicksal zu meistern.
Theodor Heuss bezeichnete seine Frau, die regen Anteil an seiner politischen Arbeit nahm und einen ständigen fruchtbaren Gedankenaustausch mit ihm pflegte, liebevoll als „Gärtnerin seines Lebens". Von ihrem literarischen Talent zeugen zahlreiche Erinnerungswerke.
Elly Heuss-Knapp war nur wenige Jahre die erste „First Lady" der Bundesrepublik Deutschland: Sie erlag am 19. Juli 1952 im Alter von 71 Jahren in Bonn einem langjährigen schweren Herzleiden und fand ihre letzte Ruhe auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch.
Veronika Carstens, „First Lady" von 1979 bis 1984, würdigte 1981 das Leben und Werk von Elly Heuss-Knapp in einer Rede, die sie anlässlich deren 100. Geburtstages in der Düsseldorfer „Elly-Heuss-Knapp-Schule" hielt. Sie sagte: „Wenn man heute ihre Briefe liest, tritt einem eine Persönlichkeit von beinahe bezaubernder Ausstrahlungskraft entgegen. In ihrem Wesen vereinigten sich hohe Intelligenz und praktische Begabung, große Natürlichkeit und feines Einfühlungsvermögen mit starkem Willen und Begeisterungsfähigkeit – das alles auf dem Fundament eines tiefen christlichen Glaubens."
Kurz nach dem Tod seiner Frau holte sich der Bundespräsident seine Schwägerin Hedwig Heuss (1884–1957), die Witwe seines ältesten Bruders Ludwig, in sein Bonner Haus. Die schon auf die Siebzig zugehende Frau übernahm im verwaisten Haus von Theodor Heuss jene Repräsentationspflichten, die mit dem Amt des Bundespräsidenten notwendigerweise verbunden sind.
*
Bestellungen von "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" bei:
www.buch-shop-mainz.de
Veröffentlicht von: Ernst Probst Web: http://www.antiquitaeten-shop.net Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
Dieser Artikel darf von Dritten für die Inhalte von Newslettern oder Websitecontent verwendet werden. Voraussetzung für eine Veröffentlichung durch Dritte ist, die jeweilige Autoreninfo aus 'Über den Autor', unter jedem Artikel vorhanden, unverändert mit zu veröffentlichen. Ein Verstoß gegen diese Regel, verstößt gegen die Copyright-Bestimmung. Es wäre ebenfalls von Vorteil den Verfasser des Artikels per e-Mail zu informieren, wo sein Artikel veröffentlicht wurde.
| Weitere Artikel von Ernst Probst: |
|
|
|