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Elizabeth Fry: Englands „Engel der Gefangenen“

Kategorie: Soziales
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Als Reformerin des Gefängnissystems in Großbritannien während des frühen 19. Jahrhunderts ging die Engländerin Elizabeth Fry (1780–1845), geborene Gurney, in die Geschichte des Strafvollzugs ihres Heimatlandes ein. Dank des Einflusses dieses „Engels der Gefangenen" sind die Verhältnisse in englischen Frauengefängnissen spürbar verbessert worden.

Elizabeth Gurney wurde am 21. Mai 1780 als dritte von sieben Töchtern des wohlhabenden Fabrikanten und Schlossbesitzers John Gurney (1749–1809) und seiner Frau Catherine in Earlham bei Norwich in der Grafschaft Norfolk geboren. Ihre Eltern gehörten zur „Society of Friends" („Gesellschaft der Freunde"), deren Mitglieder wegen ihrer ekstatischen Zustände „Quaker" („Quäker" oder „Zitterer") heißen.

Die „Quäker" lehnen Sakramente, Dogma und kirchliche Institutionen ab. Sie leisten auch keinen Eid, verweigern Kriegsdienste, führen ein bedürfnisloses Leben und helfen allen in Not geratenen Menschen. Einst kämpften sie gegen die Sklaverei, setzten sich für den Weltfrieden ein und engagierten sich in Mäßigungs- und Enthaltsamkeitsbewegungen.

Von ihren Eltern, Geschwistern und anderen Kindern wurde Elizabeth mit dem Kosenamen „Betsy" gerufen. Ihr ganzes Leben lang stand sie stark unter dem Einfluss ihrer Mutter. Catherine Gurney vertrat die für ihre Zeit ungewöhnlich fortschrittliche Auffassung, Mädchen sollten ebenso gut wie Jungen ausgebildet werden. „Betsy" und ihre Schwestern schockten andere „Quäker", wenn sie farbenprächtige und seidene Kleider trugen oder einmal sogar die Postkutsche stoppten.

„Betsy" erhielt Unterricht in Geschichte, Französisch und Latein. Die Mutter erzählte ihr Geschichten aus der Bibel, las ihr Psalmen vor und nahm sie mit, wenn sie arme und kranke Menschen besuchte und ihnen half. Elizabeth verlor früh ihre Mutter, als sie erst zwölf Jahre alt war.

Am 4. Februar 1798 ging die 17-jährige Elizabeth – mit eleganten lilafarbenen Stiefeln und roten Schnürbändern – mit ihren Schwestern zu einem Gottesdienst, bei dem sie erstmals den amerikanischen „Quäker" William Savery (1750–1804) hörte und ergriffen weinte. Danach bat sie ihren Vater, sie im Haus ihres Onkels, wo Savery zu Gast war, am Mittagessen teilnehmen zu lassen.

Nachmittags zog es die sieben Gurney-Schwestern erneut zur Andacht, nach der „Betsy" fast auf der ganzen Heimfahrt im Wagen weinte. Am nächsten Morgen kam Savery zum Frühstück zu den Gurneys und erklärte nachher Elizabeth, sie sei zu einem hohen und wichtigen Werk berufen. Von da ab schienen ihre Vergnügungssucht und Freude an weltlichen Dingen verschwunden.

1799 unternahm Elizabeth Gurney einen Besuch in London, wo sie William Savery wieder begegnete. Während ihres Aufenthaltes in der britischen Hauptstadt ging sie auch ins Theater und in die Oper und wunderte sich darüber, ob es richtig sei, Freude dabei zu empfinden. Nach intensiven Kontakten und Gesprächen mit ihrer Cousine Priscilla Hannah Gurney und ihrer Freundin Deborah Darby wandelte sich „Betsy" zur überzeugten „Quäkerin", die auf ihrem Familienlandsitz „Plashet House" verwaiste Kinder in einer Sonntagsschule unterrichtete.

Im Sommer 1799 besuchte der „Quäker" Joseph Fry (1777–1861) die Familie Gurney auf ihrem Landsitz, verliebte sich in Elizabeth und heiratete sie am 18. August 1800. Die Frys waren wohlhabende Kaufleute, die mit Tee, Kaffee und Gewürzen handelten und später eine Bank eröffneten. Betsy und Joseph lebten anfangs bei den Frys in London. Im August 1801 brachte Elizabeth Fry ihre Tochter Katherine zur Welt. In den folgenden zwei Jahrzehnten schenkte sie weiteren zehn Kindern das Leben.

Um 1812 lernte Elizabeth Fry den französischen Aristokraten, Stephen Grellet (1773–1855), eigentlich Etienne Grellet du Mabillier, kennen, der sich in den USA den „Quäkern" angeschlossen hatte, in Europa das Quäkertum predigte und in England einige Gefängnisse besichtigte. Er erzählte ihr von verheerenden Zuständen im Frauengefängnis von Newgate, wo weibliche Häftlinge teilweise mit Neugeborenen auf dem Steinfußboden lagen.

Als Elizabeth und andere „Quäkerinnen" von Grellet um Hilfe für die Kinder in den Gefängnissen gebeten wurden, besuchte diese zusammen mit ihrer Schwägerin das Gefängnis von Newgate. Von dem, was sie dort mit eigenen Augen sahen, waren die beiden Frauen schockiert. Unter anderem wurden sie Zeugen davon, wie zwei Gefangene einem toten Baby die Kleider aus- und einem anderen Kind anzogen. Am nächsten Tag kehrten die Besucherinnen mit warmen Sachen und sauberem Stroh für das Lager von Kranken zurück.

Obwohl sie dieses Elend nicht vergessen konnte, war Elizabeth Fry nicht fähig, in den folgenden vier Jahren erneut das Frauengefängnis von Newgate aufzusuchen. Während dieser Zeit erlebte sie finanzielle Schwierigkeiten der „Fry Bank", gebar zwei weitere Kinder und betrauerte den Tod ihrer vierjährigen Tochter Betsy.

Vor Weihnachten 1816 besuchte Elizabeth Fry erstmals wieder das Frauengefängnis von Newgate, wo sie die Gefangenen dafür gewann, ihre Kinder unterrichten zu lassen, damit sie bessere Chancen im Leben haben. 1817 gründete sie den „Frauenverein zur Besserung weiblicher Sträflinge" und 1819 eine Lehr- und Arbeitsschule für verurteilte weibliche Gefangene, die von einer Vorsteherin und zwölf Frauen geleitet wurde.

Außerdem engagierte sich Elizabeth Fry zwischen 1837 und 1843 bei Reisen nach Amerika, Frankreich, in die Schweiz und Deutschland für die Reform des Strafrechts und des Strafvollzugs. Nach einem Besuch in Schottland veröffentlichte sie das Buch „Observation, on the visiting, superintendence and government of female prisoners" (1827).

Die Kunde über das Wirken von Elizabeth Fry verbreitete sich in anderen Gegenden Großbritanniens und im übrigen Europa. Nach ihrem Vorbild gründeten russische Frauen ein Kommittee für den Besuch von Gefängnissen. Sogar die britische Königin Viktoria (1819–1901) wurde auf sie aufmerksam und empfing sie zu einer Audienz.

Zeitweise hatte Elizabeth Fry unter mancherlei Kritik zu leiden. Ein Teil der weiblichen Gefangenen ärgerte sich darüber, nicht weiterhin Alkolhol trinken sowie Glücksspielen und dem Müßiggang nachgehen konnten. Lokalpolitiker kritisierten den neuen „Prison Act" von 1823, der einige Ideen von Elizabeth berücksichtigte und den Gefängnissen mehr finanzielle Mittel garantierte. Außerdem mokierten sich Quäker darüber, dass die meisten von Elisabeths Kindern einen Andersgläubigen heirateten.

1828 brach die von Elizabeths Mann geleitete „Fry-Bank" zusammen. Elizabeth wurde damals von einigen Zeitungen zu Unrecht beschuldigt, sie habe Gelder der Bank für ihre wohltätigen Zwecke verwendet. Daraufhin bekam sie die Missachtung von Quäkern und anderen Leuten deutlich zu spüren.

Elizabeth Fry starb am 12. Oktober 1845 im Alter von 65 Jahren in Ramsgate. Nach ihrem Tod ist ein halbes Dutzend Bücher über ihr Leben und Werk erschienen.

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
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