Bringen wir uns in Sicherheit! - Literaten in Zeiten gesellschaftlichen AufschreiensKategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Leilah Lilienruh
Eine sarkastische, selbstkritische Betrachtung zur intellektuellen Positionierung des Künstlers im sozialen Krisengefüge
Welche Wohltat, sich der quälenden Konfrontation mit der Fragwürdigkeit, mit der Untragbarkeit, gesellschaft-licher Prozesse entziehen und in die unschuldige Behaglichkeit der eigenen Schreibstube abtauchen zu können!
Ein Dank der holden Muse, die den Literaten gnädig küsste und ihm milde lächelnd dieses Hintertürchen zum komfortablen, gewissensruhigen Raum wies. Völlig unbehelligt führt sie uns vorbei am schlaftrunkenen Torwächter des sonst so eifrigen Über-Ichs eines Künstlermenschen. Wir folgen ihr auf leisen Sohlen ins sichere Versteck, uns eine Weile auszuruhen vom Garstig-Echten, das uns so ekelhaft lebendig und resistent erscheint gegen jede Form der Poesie.
Nur keine Bange: Der Raum ist schwerlich zu verfehlen. Außen an der Tür steht jetzt in fetten Lettern „Ignoranz", wo einmal Unbequemlichkeiten wie „Solidarität", „Kritik" und „Humanismus" in die Augen stachen.
Natürlich mahnt der Seismograph des Schreibenden das gefahrvolle Brodeln in den untersten gesellschaftlichen Schichten besonders zeitig und besonders heftig an, lange bevor die tiefe Kluft noch weiter auseinander bricht und viele in die Tiefe reißt. Selbstverständlich hätten wir die Worte, die Kenntnis und die aufrichtige Empörung, Stimme für jene zu sein, die aus Sprachlosigkeit die Sprache der Gewalt sprechen lernen. Fraglos sahen wir das alles längst voraus: New Orleans, Paris, Hartz IV, Disintegration, kollektive Depression…
Und dennoch: Nein, wir müssen uns nicht ob unseres Schweigens schämen! Uns in die Obhut des unbeschmutzten, heilen Mikrokosmos rein fiktiver Ideen zu begeben, ist unser angestammtes Recht. Sind wir dem Gemeinwohl nicht geradezu verpflichtet, die zarte Literatenseele vor allzu realen Fäulniskeimen politischer Exzesse zu beschützen? Nicht auszudenken, wenn Partikel davon übersprängen und durch Aktivierung moralischer Reserven das Hirn zu dieser oder jener Leistung zwängen, die erst den Kritisierten und am Ende dann womöglich noch der eigenen Person viel Ungemach bereitete.
Was, wenn uns schließlich unsere Ohnmacht gegenwärtig würde und wir Schaden nähmen am schützenswerten Künstler-Ego? Wer wäre später wohl zur Stelle und überdies in intellektueller Hinsicht in der Lage der Allgemeinheit postum die Analysen menschlichen Versagens nachzuliefern und im Rückblick kritisch distanziert - mit Courage und Engagement versteht sich - die rechten Worte zu notieren? Gerade der modernen Lyrik liegt das Ungereimte doch so gut!
Gönnen wir uns ruhig selbst schon einmal einen Schluck des Balsams, den wir später wohlwollend in die klaffenden Wunden und kranken Seelen träufeln werden. Mit ein wenig Fantasie-Elexier im grummelnden Magen, umgeben von Gleichgesinnten, die uns nimmermüde das schwache Rückgrad tätscheln, vergeht die Zeit bis dahin recht angenehm.
Verriegeln wir nur fest unsere Schreibstuben und nehmen wir uns vor Lemuren in Acht, die danach trachten, die Tür aufzureißen, dass wir das wahre Sterben zu Gesicht bekommen und uns vom scharfen Luftzug die Schreibhand und das Herz gefriert!
Veröffentlicht von: Leilah Lilienruh Web: http://www.wortquelle.de Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| -Geboren am 1.4.1963 in Offenbach a. Main
-verheiratet, drei Kinder, wohnhaft in der Nähe von Kassel
-Nach dem Abitur Ausbildung zur Zeitungsredakteurin, anschließend Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen
-Während des Studiums und später langjährige Tätigkeit als Freie Journalistin, Schwerpunkte Frauenpolitik, Reise und Kultur
-Als Ghostwriterin für Verlage, Unternehmen und Privatpersonen tätig
-Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Gedichten in Zeitungen
-Seit 2000 maßgebliche Mitwirkung als Texterin, Komponistin und Zeichnerin bei der Realisierung von Hörbüchern, Hörspielen und Gedichtheften in Horatio Hudls Projekt „Atelier Wortquelle“. www.wortquelle.de
-Aus Gründen künstlerischer Freiheit und zur Wahrung der Privatsphäre der Familie ausschließliche Arbeit unter Pseudonymen, im Lyrik –und Prosabereich Leilah Lilienruh.
-2005 Aufnahme in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen
Gedichts“ durch die „Brentano-Gesellschaft & Cornelia Goethe Akademie“ zu Frankfurt a. Main. Das ausgewählte Werk entstammt der Lyriksammlung „Gezeitenlos“, die von „Atelier Wortquelle“ als Hörbuch realisiert wird.
-Das Manuskript zu einem sozialkritischen Roman wurde kürzlich vollendet. |
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