Bilhildis: Die Mainzer HeiligeKategorie: Religion Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst
Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:
Als Gründerin und erste Äbtissin eines Mainzer Marienklosters, vielleicht eines der ältesten Frauenklöster des Rheinlandes, ist die heilige Bilhildis (um 655/660–um 750) bezeugt. Ihren Gedenktag begeht man am 27. November. Sie gilt als Patronin der Kranken. Auf Gemälden wird Bilhildis im Gewand einer Äbtissin und mitunter auch als Fürstin im kostbaren Hermelin dargestellt.
Über das Leben und Werk von Bilhildis weiß man wenig. Nach der von Margarete Weidemann 1994 neu untersuchten Vita, die in mehreren Fassungen tradiert ist, kam Bilhildis in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts als Tochter des Grafen Jberin und seiner Frau Mathilda in „hocheim iuxta litus mogontis fluvii" – Veitshöchheim bei Würzburg (Bayern) – zur Welt. Ihre Eltern waren Christen und hatten zwei weitere Töchter namens Hildegart und Reginhilt. Aus unbekannten Gründen wurde Bilhildis nicht getauft.
Offenbar lebte Bilhildis als Kind in Würzburg, wo sie – wie es damals oft üblich war – außerhalb ihrer Familie erzogen wurde. Während dieser Zeit sind in Würzburg die Awaren – in der Historeographie der Merowingerzeit meistens als Hunnen bezeichnet – eingefallen. Nach dem Abzug des Awarenheeres kehrte Bilhildis nach Veitshöchheim zurück.
Als der in Würzburg residierende verwitwete Frankenherzog Hetan I. (geb. um 640) Bilhildis zur Frau begehrte, lehnte ihr Vater die Brautwerbung ab, weil ihm seine Tochter für eine Ehe noch zu jung erschien. Bald darauf starb der Vater, und die Mutter stimmte dem Heiratsantrag zu.
Die Eheschließung zwischen Hetan I. und Bilhildis erfolgte um 670/675. Während Bilhildis von ihrem offenbar ungeliebten Gatten ein Kind erwartete, musste dieser auf Befehl des Königs Heeresdienst leisten. Ehe Hetan loszog, versicherte er sich der Treue von Bilhildis, die ihm versprochen wurde, wenn sie nach Veitshöchheim zurückkehren dürfe.
Aus Veitshöchheim flüchtete Bilhildis heimlich mit einem Schiff auf dem Main nach Mainz. Dort nahm sie ihr Onkel Erzbischof Rigibert (geb. um 640), wohl ein Bruder ihrer Mutter, freundlich auf. Bilhildis brachte einen Sohn zur Welt, der bald danach starb. Der Erzbischof half seiner Nichte, ihre Angelegenheiten in Veitshöchheim zu regeln. Danach lebte sie in Mainz zurückgezogen in Furcht vor dem verlassenen Ehemann, der jedoch keinerlei Anstalten machte, sie zurückzugewinnen. Auch die Schwestern von Bilhildis zogen in die Mainzer Gegend.
Nach Hetans Tod verwendete die Witwe ihr Erbe dazu, Hungernde zu speisen und Arme zu bekleiden. Außerdem besuchte und pflegte sie Kranke. Um 700 kaufte Bilhildis – wie eine Urkunde bezeugt – von Erzbischof Rigibert ein Grundstück und gründete darauf mit seiner Hilfe das später Altmünster genannte Kloster. Dieses zählt zusammen mit dem Kloster der Königin Plektrudis (gest. 725) in Köln und dem Kloster der heiligen Odilia (um 660–um 720) auf dem Odilienberg im Elsass zu den ältesten Frauenklöstern des Rheinlandes.
Als sich das Leben von Bilhildis dem Ende näherte, träumten – laut Legende – drei ihrer Klosterschwestern, ihre hochverehrte Äbtissin habe noch nicht die heiligen Sakramente der Taufe und Firmung empfangen. Sie berichteten Bilhildis davon, der die Nachricht unglaublich vorkam und die deswegen mit dem Erzischof Rücksprache hielt. Der Erzbischof entschied, das ganze Kloster solle wachen, fasten und beten, damit Gott Aufklärung schicke, was tatsächlich geschah. Daraufhin spendete der Erzbischof der Äbtissin vorsorglich die beiden Sakramente.
Danach verließ Bilhildis ihr Kloster nicht mehr und bereitete sich sorgfältig auf ihren Tod vor. Als sie 734 in Mainz starb, soll sie ein wunderbarer Glanz überstrahlt haben. Ihr Leichnam wurde im Chor der Münsterkirche beigesetzt. Nachts sollen oft Lichter wie Sterne um ihr Grab gefunkelt haben.
Der früheste Nachweis für die Verehrung von Bilhildis ist im Kalender eines Mainzer Sakramentars aus der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts enthalten, der vermutlich anlässlich der Erhebung der Klostergründerin zur Heiligen verfasst wurde. Darin wird Bilhildis – ungeachtet ihrer Mutterschaft – als Jungfrau („virgo") mit dem Eintrag „Sce Bilihilde virg" unter dem 27. November als Heilige aufgeführt. Der damalige Kult blieb bis zum 18. Jahrhundert auf Mainz beschränkt. Der Name Bilhildis fehlt in den beiden Kalendern des nahe gelegenen Klosters Lorsch aus dem Ende des zehnten Jahrhunderts und frühen elften Jahrhunderts. Seit dem 18. Jahrhundert wird die Heilige auch an ihrem Geburtsort Veitshöchheim verehrt.
1289 errichtete man im Altmünsterkloster einen Altar zu Ehren der heiligen Bilhildis. In einem eigenen Reliquienschrein wurden der Schädel von Bilhildis sowie Reliquien anderer Heiliger aufbewahrt. Außerdem ist im Altar das Schweißtuch Christi in einem Reliquiar ausgestellt.
Die in Mainz vertretene „Bruderschaft vom Heiligen Schweißtuch" unseres Herrn erwarb zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Altar, da das Kloster bereits 1781 zugunsten des Universitätsfonds aufgehoben worden war und die Kirche säkularisiert wurde. Die Bruderschaft ließ die Reliquien in der Emmeranskirche aufstellen und hielt dort regelmäßig am Ostermontag eine besondere Andacht ab. „St. Emmeran" wurde 1945 bombardiert und zerstört. Heute befinden sich der Reliquienschrein in der Domsakristei und das verehrte Schweißtuch in der Ostkrypta des Mainzer Domes.
An das Wirken der Klostergründerin, Äbtissin und Heiligen erinnert heute die Bilhildisstraße in Mainz. Wo sich einst das Altmünsterkloster befand, steht jetzt die evangelische Altmünsterkirche. Der im Mainzer Dom aufbewahrte Schädel von Bilhildis wurde 1991 von Anthropologen wissenschaftlich untersucht und für echt befunden.
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| Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler |
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