Als ob das Leben Balken hätteKategorie: Gesundheit Artikel veröffentlicht von: Horatio Hudl
Alltagsrituale: Sachzwang oder kollektive Zwangsneurose?
Der Meier von nebenan putzt sein Auto jeden Mittwoch, nur mittwochs. Immer mit dem gelben Plastikeimerchen und immer zwischen 16 und 18 Uhr. Ich habe den Meier gefragt, warum er das macht, und er sagte mitleidig lächelnd: „Na, ist doch klar, das ist so, weil...das eben so ist!", tauchte kopfschüttelnd den Schwamm ins Eimerchen und legte einen Zahn zu, weil es schließlich schon 17.45 Uhr war. Komisch, der Meier ist doch hobbyloser Rentner. Ich habe vorerst auf weitere Nachfragen verzichtet. Man will schließlich nicht tumb erscheinen.
Außerdem ist er ja nicht der Einzige, der seine alltäglichen Rituale pflegt: Wer kennt nicht irgendeinen Meier, der an jedem Arbeitstag, Punkt sieben, die familiäre Behausung verlässt, um - Schirm in der linken Hand, Tasche unterm rechten Arm - den Linienbus an der Ecke zu besteigen. Im Winterhalbjahr geht so ein Meier schon um 6.55 Uhr aus der Wohnung, da mit Glatteis gerechnet werden muss.
Mal ganz ehrlich: Steckt im Grunde genommen nicht in fast allen von uns so ein kleiner „Meier"? Das fängt doch schon beim Aufwachen an: Wecker haargenau auf fünf vor irgendetwas, Hausschuhe in Parallelstellung unterm Bett, Morgenmantel am Haken (nicht am Haken? Hilfe, wo liegt er!), linker Fuß zuerst raus, Bussi für Frau Meier (oder Herrn Meier, je nachdem, ob Sie Meier oder Meierin sind), ab ins Badezimmer, Zähne bürsten, Hals waschen, Klo gehen, Zeitung reinholen, weil sonst das Brötchen nicht schmeckt, Brotdose (eins mit Aufschnitt, eins mit Käse) und Thermosflasche einpacken... Nur die Brille liegt immer...irgendwo!
Die banalsten Vorgänge täglichen Schaffens werden nach Tayloristischem Akkordvorbild zerstückelt, bewertet und in ein individuelles Ordnungsprinzip eingepasst. Alles hat seine Reihenfolge, seinen Rhythmus: Das Saubermachen, die Arbeit, das Fernsehprogramm - alles läuft nach einem besonderen Plan ab, wenn er auch zuweilen einer nachvollziehbaren Begründung entbehrt. Selbst das Staubwischen hat bei manchen Leuten System. Gott-sei-Dank, wie manche meinen, denn Unregelmäßigkeit schafft Irritationen. Unvorhergesehene Ereignisse, ganz gleich, welcher Art, lösen zumindest Unlustgefühle aus. Wir hassen es, wenn wir uns „seelisch auf etwas vorbereitet haben" und plötzlich kommt es anders.
Wer kann schon ganz genau sagen, warum er dieses und jenes möglichst immer zur bestimmten Zeit, in der bestimmten Reihenfolge, am selben Ort tun oder sagen „muss". Alles Sachzwänge? Da besteht wohl berechtigter Anlass zu Zweifeln.
Selbst Fachleuten fällt es mitunter schwer, definitiv zwischen unserem „gesunden" Alltagsritual und der übersteigerten Form der Ritualisierung, der Zwangsneurose, zu differenzieren: Der Meier will nicht anders, der Neurotiker kann nicht mehr anders. Die Übergänge zwischen normal und exzessiv sind durchaus fließend. Nur gut, dass unsereins, immer plausible Gründe für seine „Wiederholungstaten" hat!
Neurotisch Erkrankte erleben regelrechte Panikzustände, wenn ihre - in sich logischen - Rituale nicht eingehalten werden können. Handlungsanordnungen und reaktives Verhalten nehmen, zum Beispiel beim Zählzwang, derartig bizarre Formen an und den Menschen so vollständig in Anspruch, dass ein normales Leben nicht mehr möglich erscheint. Die Ausführung der selbst erdachten Rituale vermittelt jeweils kurzfristig ein Empfinden von Sicherheit.
Das Individuum erlebt allerdings das niederdrückende Gefühl, nicht mehr frei entscheiden, sondern lediglich „gefahrabwendend" auf Umwelteinflüsse reagieren zu können. Da scheint es mitunter lebenswichtig, dass um Punkt 12 Uhr gegessen wird und die Gabeln auf dem Tisch liegen bevor man die Messer holt.
Besonders eindrucksvoll schilderten Ellen Weiß und Niklas Hoffmann das Phänomen bereits vor Jahren in ihrem Buch „Ein Zwang", einem berührenden, anschaulichen Gemeinschaftswerk von Langzeitpatientin und Therapeuten.
Die meisten von uns reagieren äußerst empfindlich auf Störungen ihrer Alltagsrituale. An Handlungsabläufen, die einmal zur Gewohnheit wurden, weil wir sie anerzogen bekamen, weil wir sie als ungefährlich erlebten oder weil es einfach „alle so machen", wird meist mit aller Kraft festgehalten. Ritualisierung findet teilweise blitzschnell statt. Oft genügt es schon, wenn wir ein zweites Mal in die entsprechende Situation kommen.
Achten Sie einmal darauf: Sind nicht viele von uns krampfhaft bestrebt, im Sitzungssaal oder Wartezimmer immer wieder auf demselben Platz, wenigstens aber auf derselben Seite, zu sitzen, obwohl die Plätze links und rechts sich doch beim besten Willen durch nichts von gerade diesem unterscheiden?
Alles in uns strebt nach innerer Ordnung: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", wie bereits der Volksmund so treffend feststellte.
Manchmal engen die kleinen Rituale uns ja schon ganz schön ein, aber da ist doch auch dieses unverzichtbare, beruhigende Gefühl. Man weiß halt so gut wie immer, woran man ist. Alles ist genau durchstrukturiert, alles geplant, kaum etwas unvorhersehbar.
Tritt dann doch einmal das Unerwartete oder Fremde ein, ist der Gewohnheitsmensch aufgeschmissen. Arbeitslosigkeit, Pensionierung oder Erkrankung werden daher häufig nicht primär wegen des sozialen Prestigeverlustes oder der körperlichen Folgen als überaus tragisch empfunden. Der Mensch fällt plötzlich aus diesem individuellen und allgemeinen Ritualgepflecht heraus, gerät „aus der Bahn", spürt existentielle Angst. Er erlebt - nicht selten zum ersten Mal im Leben überhaupt - einen Überfluss an Freizeit (Freiheit), der ihn förmlich erschlägt.
Nun gibt es zwei Alternativen: versumpfen oder kompensieren. Viele entscheiden sich für Letzteres und der Volksmund verkündet folgerichtig, dass „die Rentner immer am wenigsten Zeit haben". Man verplant sich halt so gut man kann, damit man nicht für immer aus dem Takt kommt.
Wie wenig selbstsicher wir doch sind. Eine Gesellschaft latenter kleiner Zwangsneurotiker? Was fremd ist, erfordert Mut. Alltagsrituale dagegen wirken beruhigend, vermitteln uns das Gefühl von Eingebundenheit, Geborgenheit, Berechenbarkeit.
Und so halten wir uns lieber an den bewährten Schemata fest, seien sie auch noch so mangelhaft, unlogisch und unbequem, als etwas Neues zu wagen. Für Spontaneität bleibt wenig Raum. Da so rar, sind Flexibilität und Innovationsgeist besonders im beruflichen Sektor gefragte und hochdotierte Eigenschaften. Wie bekam ich doch damals am ersten Tag meiner Ausbildung zum Redakteur mahnend mit auf den Weg: „In unserem Job können Sie nicht um 18 Uhr den Griffel fallen lassen!"
Manchmal, nur manchmal, habe ich die Meiers beneidet, die immer um 17 Uhr den Betrieb verlassen, um 17.30 Uhr das Garagentor zuwerfen und um 17.35 Uhr beim Abendbrot sitzen.
Der Zug des Lebens rollt bei vielen von uns auf schmalen, eingefahrenen Gleisen. Gerade so wie bei einer Spielzeugeisenbahn: selbst konstruiert und überschaubar - und zwangsläufig immer im Kreis herum.
Spontanes Handeln könnte zu unerwarteten Ergebnissen führen, vielleicht zu positiven, vielleicht aber ...Viel zu gefährlich! Bei Meiers dagegen ist alles herrlich abgesichert, ganz so, als ob das Leben Balken hätte. Da stürzt man nicht so leicht ab. Schließlich kann man sich ja an den Seiten des Terminplaners festklammern.
An ganz gemeinen Tagen, wenn der kleine Kobold in mir schlecht gelaunt ist, stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich dem Meier sein gelbes Putzeimerchen verstecken würde. Er würde händeringend um sein Auto herumrennen und jammern: „Warum kann ich mein Auto nicht putzen!", und ich würde lächelnd sagen: „Das ist so, weil...das eben so ist!". Schade, dass ich mittwochs keine Eimerchen klauen kann - da gehe ich nämlich seit einiger Zeit immer ins Schwimmbad, und zwar stets zwischen 16 und 18 Uhr...
Veröffentlicht von: Horatio Hudl Web: http://www.wortquelle.de Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| Der Erfinder der Kultschrate "Krumpelpump und Schlumperstrolch" wurde 1973 in Kassel geboren. Er ist Freier Journalist, Texter und Sprecher.
Als Begründer von "Atelier und Tonstudio Wortquelle", einem Projekt mit einem Künstlerteam aus verschiedenen Bereichen, realisiert er mit den Kolleg(inn)en neben der Hörspielserie mit den witzigen Schraten noch diverse Hörbuchprojekte für Kinder und Erwachsene, unter anderem auch Lyrik- und Satireveröffentlichungen von "Wortquelle"-Mitgliedern.
Darüber hinaus übernimmt sein Team auch Auftragsarbeiten im Bereich Ghostwriting wie z. B. Festreden, Chroniken und journalistische Texte.
Kontakt: anfrage@wortquelle.de |
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