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Alexandra Kollontai: Die erste Ministerin der Welt

Kategorie: Politik
Artikel veröffentlicht von: Ernst Probst


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Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM" von Ernst Probst:

Als erste Sozialministerin der Welt machte sich die russische Schriftstellerin und Politikerin Alexandra Kollontai (1872–1952), geborene Domontowitsch, einen Namen. Während ihrer Amtszeit setzte sie zahlreiche sozialpolitische Verbesserungen für Frauen durch. Großes Aufsehen erregte sie als sexuell emanzipierte Kommunistin. Sie zeichnete ein Idealbild der neuen Frau „frei wie der Wind, einsam wie das Steppengras. Keinem ist sie teuer. Keiner wird sie schützen".

Alexandra Domontowitsch kam am 31. März 1872 als Tochter eines adligen Generals in Sankt Petersburg (Russland) zur Welt. Ihre Mutter stammte aus einer finnischen Arbeiterfamilie. Einer Gouvernante verdankte sie ihre kritische Einstellung den Dingen gegenüber. Nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie erfolgreich ein Lehrerinnenexamen.

Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete Alexandra Domontowitsch 1893 ihren Vetter Wladimir L. Kollontai (gest. 1917). Obwohl es sich um eine Liebesheirat gehandelt und sie idealistische Vorstellungen vom Zusammenleben hatte, litt die junge Frau bald unter der Eintönigkeit ihrer Ehe, aus der 1894 der Sohn Michail (Mischa) hervorging.

Ein Schlüsselerlebnis für Alexandra Kollontai war 1896 der Besuch einer Textilfabrik in Russland, wobei sie mit erschreckenden Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter konfrontiert wurde. Angesichts dieser Erfahrungen hielt sie Veränderungen für dringend nötig. Von da ab suchte sie Kontakt zu revolutionären Gruppen und schloss sich der Untergrundbewegung an.

1898 trennte sich Alexandra Kollontai von ihrem Mann und zog in die Schweiz, um dort ein Studium zu beginnen. Dank der finanziellen Unterstützung durch ihre Eltern und die gute Unterbringung ihres Sohnes konnte sich sie ganz ihren Interessen widmen. 1899 kehrte sie nach Russland zurück, hielt dort Vorträge und wandte sich der Frauenarbeit zu. 1906 erschien ihre Publikation „Ethik und Sozialdemokratie".

Alexandra Kollontai beteiligte sich am Kampf der revolutionären Intelligenz Russlands und stand des öfteren kurz vor der Verhaftung durch das Zarenregime. 1908 emigrierte sie nach Deutschland, wo sie die Politiker August Bebel (1840–1913), Rosa Luxemburg (1870–1919) und Karl Liebknecht (1871–1919) kennen lernte. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges agitierte sie für die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands" (SPD) und verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit der Schriftstellerei.

1915 schloss sich Alexandra Kollontai den Bolschewiki an. Bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 hielt sie sich in Dänemark, Schweden und Norwegen auf. Zurückgekehrt nach Russland, wurde sie als Sozialministerin Mitglied der ersten Sowjetregierung. Außerdem blieb sie weiterhin als Schriftstellerin aktiv.

Während ihrer Amtszeit als erste Sozialministerin der Welt von 1917 bis 1918 setzte Alexandra Kollontai viele sozialpolitische Verbesserungen für Frauen durch. Dazu gehörte vor allem die Mutterschutzgesetzgebung von 1917, die Schwangerschaftsurlaub bei voller Bezahlung und Arbeitsplatzgarantie regelte. Nach ihren Worten bedeutete jede gut eingerichtete Kindergrippe mehr als 20 Agitationsreden.

1918 heiratete Aleandra Kollontai den 17 Jahre jüngeren Volkskommissar für die Flotte, Pavel Dybenko (1889–1938). In jenem Jahr erschien auch ihr Werk „Novaia moral’i robocii klass" (1918, deutsch: „Die neue Moral und die Arbeiterklasse". Ihre Ehe mit Dybenko hielt nicht lange. 1919 folgte Alexandra Kollontai der Politikerin Inessa Armand (1874–1920) als Leiterin der Frauenabteilung „Shenotdel" beim Zentralkommitee (ZK) nach. 1923 veröffentlichte sie ihr Buch „Die Frauenarbeit in der Entwicklung der Gesellschaft". Ihr Amt als Leiterin der „Shenotdel" musste sie 1922 wieder abgeben. 1929 wurde die Abteilung wegen innerparteilicher Differenzen aufgelöst.

Nach einer Auseinandersetzung mit dem russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) und dem Bruch mit ihrem zweiten Mann versuchte Alexandra Kollontai Abstand zu gewinnen. Aus diesem Grund ging sie als erste russische Botschafterin nach Norwegen.

Ihre Diplomatenarbeit hielt Alexandra Kollontai davon ab, sich weiterhin so stark mit Frauenfragen zu befassen und in ideologischen Kreisen mitzuwirken, wie sie das vorher getan hatte. Möglicherweise trug dies dazu bei, dass sie während der Regierungszeit des Diktators Josef Stalin (1879–1953) nicht wie viele Lenin nahestehende Personen liquidiert wurde. Frau Kollontai wirkte auch in Mexiko und Schweden und später erneut in Norwegen als Botschafterin.

Zu den bekanntesten literarischen Werken der Schriftstellerin und Politikerin Alexandra Kollontai gehören die Bücher „Soziale Grundlage der Frauenfrage" (1909), „Die Familie und der kommunistische Staat" (1922) und die Erzählungen „Wege der Liebe" (1925).

Großes Aufsehen erregte Alexandra Kollontai mit ihren Ansichten über eine neue Sexualmoral, die sie indirekt durch die Gestalten in ihren Frauenromanen – wie Genia in „Wege der Liebe" – vertrat. Nach ihren Vorstellungen war die „neue Frau im Sozialismus" ledig, denn als eigenständig Erwerbstätige sollte sie nicht auf die Versorgung durch den Mann angewiesen sein. Ihre Erwerbstätigkeit wurde durch ein flächendeckendes Netz der Kinderbetreuung ermöglicht.

Männer sollten, so meinte Alexandra Kollontai, ihren väterlichen Pflichten dadurch nachkommen, dass sie einen Beitrag in eine staatlich kontrollierte Vaterschaftskasse einbezahlten, der an Frauen mit Kindern weitergegeben werden sollte. Die „neue Frau" hatte ausreichend Zeit für politische Aktivität, wenn sie diese nicht hauptberuflich betrieb.

Wladimir Iljitsch Lenin hatte Probleme mit derart progressiven Forderungen. Er bezeichnete die neue Sexualmoral als „Glas-Wasser-Theorie", weil Frauen aufgefordert wurden, Sexualität „wie ein Glas Wasser zu konsumieren", ebenso umstandslos und unverbindlich wie unromantisch. Der Revolutionär stöhnte entnervt, die „Glas-Wasser-Theorie" habe einen Teil der Jugend toll gemacht. Sie sei vielen jungen Burschen und Mädchen zum Verhängnis geworden.

Am 9. März 1952 starb Alexandra Kollontai im Alter von 79 Jahren – hochgeehrt mit Orden und Auszeichnungen – in Moskau. Zu diesem Zeitpunkt waren viele der von ihre als Sozialministerin eingeführten Erleichterungen für Frauen bereits wieder abgeschafft.

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Veröffentlicht von: Ernst Probst
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Über den Autor:
Ernst Probst ist Journalist, Wissenschaftsautor, Buchautor, Buchverleger, Antiquitätenhändler und Fossilienhändler
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