Achtung, das macht er mit Absicht!Kategorie: Kultur Artikel veröffentlicht von: Leilah Lilienruh
Satirisches über das wahre Wesen des Computers
Rumms ! Mit einem Knall fällt die Wohnungstür ins Schloss. Kurz darauf noch einmal „rumms" - das war die Aktentasche. „Oh, oh" denke ich, „er hat ihn heute wieder geärgert !" Und nun höre ich meinen Mann draußen im Flur auch schon vor sich hin fluchen: „Da sitzt man drei Stunden wie ein Blöder vor ihm, zermartert sich das Gehirn, bietet Lösungen an, probiert herum, fummelt hier, klickt da... Und was tut der fiese Mistkerl: Schmeißt mich eiskalt raus! Uuunverschääämtheit ! Ich hätte ihn erwürgen können. Das macht er ständig mit mir. Und das Größte, das Größte kommt noch: Schlendert in der Mittagspause Kollege Paul mit seinem Riesen-Joghurtbecher vorbei, tritt einfach einmal sachte ans CD-Laufwerk, und plötzlich spurt er. Ich weiß genau, das macht der Computer nur, um mich zu ärgern!"
„Aber Schatz", spreche in ihn vorsichtig an als das cholerische Fluchen gerade in resigniertes Grollen übergehen will - EDV-Spezialisten sollte man in solchen Momenten niemals unnötig mit unqualifizierten, weil vernünftigen, Einwänden reizen -, „Schatz, du sprichst von einem Rechner, einer völlig leblosen Maschine. Glaub mir, der will dich nicht ärgern. Der hat soviel Charakter wie der Joghurteimer vom Kollegen Paul."
Für einen unglaublich langen Augenblick schaut mich mein Mann mit offenem Mund an. Pfui, ist das plötzlich still im Raum! Es ist dieser halbvernichtende, halbmitleidige Gesichtsausdruck mit dem hängenden Unterkiefer, der ein Gesicht nicht gerade zu seinem Vorteil verändert und sich immer dann einstellt, wenn die geballte männliche Intelligenz für Sekundenbruchteile das Gehirn verlassen hat und verzweifelt einen mentalen Netzwerkzugang zur weiblichen Logik sucht. Sobald er den Mund wieder schließt, steht fest: „Wireless accesspoint nicht auffindbar".
Ich kenne ihn. Irgendwo ganz tief im Inneren denkt er jetzt: Natürlich hat sie recht. Stattdessen muss er aber traurig erwidern: „Ach Mädel, Du hast ja keine Ahnung von dieser komplexen, hoch komplizierten Technik". Ich denke: „Alter Chauvi !" Ich sage: „Komm essen." Na gut, ich habe keine Ahnung, aber es ist doch nur eine Maschine. Ääätsch !
Rumms, mein Schatz - normalerweise von nahezu stoischer Ruhe und Ausgeglichenheit - lässt sich kraftlos auf seinen Stuhl am Esstisch fallen und schaufelt wortlos und mürrisch dreinblickend mein liebevoll angerichtetes Kerzenschein-Menü in sich hinein. Ich merke, der Abend ist gelaufen. (Und mich zwickt unter dem Kleid der sexy schwarze Spitzenbody, in den ich mich extra für „nach dem romantischen Essen" reingequetscht hatte. Ich fürchte, dies wird eher ein Frottéeschlüpfer-Abend). Vielleicht könnte ich die Stimmung heben, wenn ich wieder einmal die Anekdote von meinem früheren Chef zum Besten geben würde, der seinerzeit bei der Umstellung auf EDV derartig im Stress war, dass er irgendwann sein persönliches Passwort in die gute alte „Olympia"- Schreibmaschine eingeben und die Salzstangen im Aschenbecher ausdrücken wollte.
Nein, lieber nicht, wenn es um Rechner geht, versteht mein Systemadministrator keinen Spaß. Er mampft und stiert grübelnd in die Soße. Unser kleiner Sohn schaute neulich auch so in den Topf, was daran lag, dass gerade eine dicke Fliege darin ertrank. Ich gucke vorsichtshalber schnell mal nach, kann aber diesmal nichts entdecken und frage wie beiläufig: „Hast du den Hauch von Muskat herausgeschmeckt?" Mein Mann nickt: „Ja danke, ein Bier wäre genau richtig." Ich schenke ihm ein Lächeln, säusele lieb: „Ja gern, du mich auch." und esse beleidigt weiter.
Jetzt hat er schon dreimal am leeren Weinglas getrunken. Als er eine Minute später den Ketschup aus dem Kühlschrank holt und über die Spargelröllchen kippt, murmelt er irgendetwas von Menü und Festplatte. Ich gehe davon aus, dass er die Gemüseplatte nicht meint und schweige. Aber als er sich den zarten Möhrchen dann aber auch noch gedankenverloren mit der Ketschupflasche nähert, platzt es doch aus mir heraus: „Falls Du das tun solltest, was ich denke, was Du tun willst, ersäufe ich morgen Deinen PC in Majo. Dann musst Du Dich nie wieder über den fiesen Möpp aufregen!" - Nein, nicht möglich. Mein Mann lächelt, wenn auch ungewollt.
„Du musst schon entschuldigen", meint er schließlich versöhnlich, aber heute hat er...". Jetzt geht es erst richtig los. Wäre ich doch nur mit meiner Freundin in diesen blöden Actionfilm im Kino gegangen. Ich lausche im Schein der Kerzen einer halbstündigen Abhandlung über das Wesen, die Eigenarten, Manien und Vorlieben des Kollegen Computers. Natürlich sei ihm vollkommen klar, dass es sich um eine Maschine handele, versichert mir mein Schatz zwischendurch immer wieder ernsthaft. Er erklärt mir die spezielle Problematik eines speziellen Gerätes bei der Installation eines speziellen Programms beim Anschluss eines – natürlich ganz speziellen - Druckers. Ich schalte auf Durchzug.
Aber am Schluss weiß ich eines ganz genau: Dieser PC ist ein absolut verschlagener Typ ohne jedwede Manieren und Anstand. Schon allein an der Art wie er mit dem Monitor flimmert, kann man seine wahre Gesinnung erkennen. Das liegt am Herz, sagt mein Schatz. Oder war’s Hertz. Wenn er Her(t)z hat, hat er bestimmt auch eine Seele.
Im Grunde genommen wurde er nur dazu konstruiert, arme EDV-Menschen zu schikanieren, ihre berufliche Zukunft und ihr Liebesleben zu ruinieren. Weil er so durchtrieben ist, tut er manchmal so, als würde er gehorchen. Aber innerlich, tief drinnen in seinem Prozessor lacht er sich über sie kaputt.
Bitte, bitte, lieber Computer, sei morgen nett zu meinem Mann - wir sind abends zu einer Party eingeladen und unten drunten trage ich wieder einen zwickenden Body!
Veröffentlicht von: Leilah Lilienruh Web: http://www.wortquelle.de Kontakt: e-mail
| Über den Autor: |
| -Geboren am 1.4.1963 in Offenbach a. Main
-verheiratet, drei Kinder, wohnhaft in der Nähe von Kassel
-Nach dem Abitur Ausbildung zur Zeitungsredakteurin, anschließend Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen
-Während des Studiums und später langjährige Tätigkeit als Freie Journalistin, Schwerpunkte Frauenpolitik, Reise und Kultur
-Als Ghostwriterin für Verlage, Unternehmen und Privatpersonen tätig
-Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Gedichten in Zeitungen
-Seit 2000 maßgebliche Mitwirkung als Texterin, Komponistin und Zeichnerin bei der Realisierung von Hörbüchern, Hörspielen und Gedichtheften in Horatio Hudls Projekt „Atelier Wortquelle“. www.wortquelle.de
-Aus Gründen künstlerischer Freiheit und zur Wahrung der Privatsphäre der Familie ausschließliche Arbeit unter Pseudonymen, im Lyrik –und Prosabereich Leilah Lilienruh.
-2005 Aufnahme in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen
Gedichts“ durch die „Brentano-Gesellschaft & Cornelia Goethe Akademie“ zu Frankfurt a. Main. Das ausgewählte Werk entstammt der Lyriksammlung „Gezeitenlos“, die von „Atelier Wortquelle“ als Hörbuch realisiert wird.
-Das Manuskript zu einem sozialkritischen Roman wurde kürzlich vollendet. |
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